Über "völkisch" und die Sprache als sich entfaltender Kriegsschauplatz

In diesem Blogeintrag beziehe ich mich einige Male auf meinen letzten großen Blogeintrag: Fünf Säulen der Unfreiheit.

 

Derzeit geht es durch viele Medien: Frauke Petry sieht den Begriff "völkisch" negativ besetzt und würde ihn sehr viel lieber mit positiven Werten verknüpft sehen. Ich möchte darüber zu diesem Zeitpunkt noch nicht urteilen, sondern das Thema zunächst erstmal viel allgemeiner betrachten: Die Sprache als Kriegsschauplatz.

 

Ich sehe die Sprache an sich mittlerweile als einen solchen Schauplatz. Es beschränkt sich nicht mehr länger auf einen einzelnen Begriff, wie nun eben "völkisch". Es reicht viel tiefer. Immer mehr Spalten tun sich auf zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen, die eklatand verschiedene Selbstverständnisse zu diversen Begriffen entwickeln oder entwickelt haben.

 

Einige Beispiele an Spitzenreitern der heftig umkämpften Begriffe: "toxisch", "Gutmensch", "nationalistisch", "völkisch", "linksgrün", "Naivität".

 

An diesen und weiteren Begriffen entzünden sich regelmäßig ausufernde Debatten. Oben drauf kommt dann nochmal die Gender-Geschichte als nochmals eigener Hort des Konflikts.

 

Als erste Zwischenfazit, unabhängig zu meinen Positionen zu einzelnen Begriffen lässt sich also festhalten: Die Sprache selbst wird derzeit heftig umkämpft, durch alle politischen und gesellschaftlichen Lager hinweg, mit einer immer heftigeren Zuspitzung des Vokabulars.


Über Sprache

 

Die Sprache, die Möglichkeit der verbalen und schriftlichen Kommunikation, evtl. begleitet durch Gestik und Mimik: Sie ist eines der markantesten Merkmale des Menschen und zugleich auch eine seiner mächtigsten Waffen, vor allem gegen sich selbst.

 

Die Sprache ist das Werkzeug, mit welchem man miteinander kommunizieren kann, sich Dinge erklären kann, Gefühle und Ideen austauschen kann. Ebenso kann sie missbraucht werden als Mittel der Manipulation, der Einlullung und der Einschüchterung. Die Grenzen dazwischen sind oft fließend und nicht immer greifbar.

 

Über alle Zeitalter hinweg ist vor allem eines mit der Sprache passiert: Sie hat sich entwickelt, sich verändert. Ständig. Die wesentliche Erkenntnis daraus: Die Sprache ist zugleich immer auf ein Abbild des Zeitgeists der jeweiligen Epoche und ihrer Gesellschaft.

 

Es bedeutet auch, dass Worte zunächst nur leeren Hüllen sind. Erst durch die Bedeutung, die ihnen durch eine Gesellschaft beigemessen wird, erlangen sie einen echten Sinn, eine richtige Aussage. Das bedeutet auch: Zu verschiedenen Begriffen/Wörtern kann ein völlig unterschiedliches Selbstverständnis aufgebaut werden.

 

Warum ist das wichtig? Entscheidend daran ist für mich eben die Erkenntnis, dass ein Wort niemals grundsätzlich "falsch" oder "richtig" sein kann, sondern seine Bedeutung sich immer aus dem Selbstverständnis der Menschen speist, die es verwenden. Und dieses Selbstverständnis verändert sich.

 

Genau das bringt mich nun also zum im Titel gewählten Beispiel: "völkisch".

 

Beispiel "völkisch":

 

Wenn Frauke Petry von "völkisch" spricht, so verbindet sie damit ein ganz eigenes Selbstverständnis des Begriffes. Und zwar ein Positives. Eine andere Position verbindet in seinem Selbstverständnis das Wort mit Ablehnung, mit Nationalsozialismus, Unterdrückung, also etwas Negativem.

 

Beide Positionen haben also völlig verschiedene Vorstellungen von ein und dem selben Begriff. Eine Gemeinsamkeit besteht aber dennoch zwischen beiden Positionen und sie ist entscheidend für alles weitere: Beide empfinden ihr Selbstverständnis als "das Richtige", aus einer inneren Moralität heraus.

 

Für Frauke Petry wird der Begriff "völkisch" demnach mit speziellen Werten verbunden: Heimatliebe, Kultur, der Stolz auf das eigene Land. In ihrem Weltbild sind dies erstrebenswerte Ideale und Werte. Für sie ist der Begriff daher positiv besetzt.

 

Das ist eine Position, für die man Verständnis aufbringen kann, wenn man die Bereitschaft zeigt, aufzuhören die Sprache als ein fest verankertes Konstrukt zu begreifen. Denn wer dies nicht tut, der wird unweigerlich zu folgendem Ergebnis kommen:

 

"Der Begriff 'völkisch' ist ein nationalsozialistischer Begriff und daher aus Prinzip schlecht und verachtenswert."

 

Der Begriff samt Begründungen und Argumentationen werden also einzig und alleine mit dem Argument der Vergangenheit abgeschmettert werden.

 

Was wird das Ergebnis sein, reagiert man in dieser Weise? Leute auf der Position von Frauke Petry werden sich -in diesem Fall zurecht- unverstanden und bevormundet fühlen. Das heißt nicht, dass ich Frau Petry mit ihrem Verständnis und Vorstellungen zustimme. Ganz im Gegenteil, dazu komme ich gleich noch.

 

Es heißt lediglich, dass keine Debatte möglich wird, ohne den Versuch zu unternehmen, die Beweggründe der anderen Positionen nachvollziehen zu wollen. Indem man so agiert, bestärkt man Menschen mit ähnlichem Selbstverständnis wie Frauke Petry in ihrem Befinden, die anderen Menschen als naiv bis hin zu unwissend zu empfinden.

 

Dann zementiert man einige der zentralsten Vorwürfe rechter Gedankenströmungen gegen Positionen der Mitte bis Links: Starre ideologische Konstrukte, an denen festgehalten wird, koste es was es wolle. Damit zementiert man den Vorwurf der Unwissenheit, der Naivität und der mangelnden Bereitschaft zum gegenseitigen Austausch, da man sich somit bewusst gegen den Versuch stellt, dass Selbstverständnis dieser Positionen nachvollziehen zu können.

 

Kampf um die Deutungshoheit der Sprache:

 

So erbittert und festgefahren wirken diese Debatten über die Sprache vor allem aber wegen einer Sache: Es geht um die Deutungshoheit der Begriffe. Ist der Begriff "völkisch" denn nun "gut" oder "schlecht". Ist der denn nun zulässig oder nicht? Was macht man denn eben nun mit Begriffen wie "Gutmensch", muss man sich die gefallen lassen?

 

Was Frauke Petry & Anhänger damit bewirken wollen, nun ihr positives Verständnis von "völkisch" herauszustellen, ist natürlich offensichtlich: Es wird forciert, dass eine Politik der Heimatliebe, des Nationalismus und der Fixierung "auf die eigenen Leute" etwas Gutes, etwas Gewünschtes sei.

 

In meinem letzten Blogeintrag, in welchem es umm die Fünf Säulen der Unfreiheit ging, würde dieser Versuch unter die 1. Säule fallen: Der Versuch eine bestimmte Gruppe an Menschen, als bedeutsamer darzustellen, als eine andere Gruppe von Menschen.

 

Dort machte ich jedoch auch klar: Nichts ist verwerflich daran, die eigene Kultur & Heimat zu schätzen und schützen zu wollen, weil auch dies ein Akt der individuellen Freiheit ist.

 

Doch hier nähern wir uns des Pudels wahren Kern: Geht es denn eigentlich darum? Um die Heimatliebe und der Schutz der eigenen Kultur? Schutz wovor denn? Denn diese Dinge (z.B. Heimatliebe) stehen nicht im Widerspruch zu einer Welt, in der Nationalstaaten z.B. wenig bis keine Bedeutung mehr hätten. Es steht auch nicht im Widerspruch zu anderen Menschen, die ebenfalls herkommen. Entscheidend ist einfach nur stets die Verhältnismäßigkeit.

 

Letztlich bezieht sich "völkisch", bei all den sprachlichen Spielräumen eben immer noch auf eines: Das Volk. Da sind wir dann ja aber wieder beim nächsten Problem: Was ist das denn, dieses Volk? Bingo.

 

Was hier eigentlich umkämpft ist, ist der Begriff des Volks und nicht "völkisch". Wen sehen wir als "Volk"? Aus meinem Selbstverständnis ist der Begriff "Volk" überholt, da ich alle Menschen gewissermaßen als ein großes Volk betrachte.

 

In Deutschland zählen aber eben nicht nur in Deutschland geborene oder deutschstämmige zum Volk. Sondern eben alle, die hier leben und auch alle, die da eben noch dazukommen, völlig egal woher.

 

Insbesondere rechte Strömungen verwenden den Begriff des Volks sehr gerne, ohne sich überhaupt mal so richtig Bewusst zu machen, was das ist, dieses Volk. Das bin z.B. auch ich, du, meine Nachbarn. Da gibt es keine Unterscheidungen zwischen einem echten Volk, so einem mittleren Volk und angeblich "keinem Volk".

 

Der Begriff "völkisch" würde demnach auch unweigerlich voraussetzen, auch Fremde wie z.B. Flüchtlinge in das Selbstverständnis des Begriffs mit einzuschließen. Denn auch diese sind Teil des Volks, einmal hier. Doch genau dieses Selbstverständnis sieht man bei AFD und Anhängern oft nicht.

 

Dort wird der Begriff des Volks als etwas "Exklusives" betrachtet, welches nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen gilt. Im Mittelpunkt steht weniger die Heimatliebe, als das Herausarbeiten der Exklusivität des eigenen "Volkes" gegenüber "allen anderen". Das "eigene" wird betont. In den Mittelpunkt wird also eigentlich gerade nicht die Heimatliebe und Kultur gerückt, sondern die Abgrenzung, das Herausarbeiten der eigenen (höheren) Wertigkeit als jene anderer Menschengruppen (z.B. Flüchtlinge, Muslime etc.).

 

Und da liegt für mich der Hund begraben. Für mich kann Frauke Petry sehr gerne die Heimatliebe in den Vordergrund rücken, ich nehme es ihr und vor allem ihren Anhängern aber nicht ab, dass es darum im Kern geht. Im Kern geht es dort eher um eine Abwehrhaltung, den Versuch sich als "echtes Volk" zu etablieren. Und so etwas gibt es in meinem Selbstverständnis nicht: Ein "echtes/besseres/was auch immer Volk".

 

Anstatt der Fokussierung der Herausarbeitung der eigenen Kultur und Heimatliebe erfolgt die Herausarbeitung von Ängsten gegenüber Abweichungen von diesen bekannten Dingen.

 

Anstatt den Begriff "völkisch" tatsächlich als Synonym für Heimatliebe zu verwenden, wird versucht, ihn als politischen Kampfbegriff für Menschen zu installieren, die angeblich das "echte Volk" sind bzw. die "echte Bedeutung" von Volk verstanden hätten.

 

Sprachverständnis und die Zukunft:

 

Letztlich geht es somit auch um eine Sprachdebatte, die entscheidend ist für zukünftige Richtungen. Entwickelt sich die Gesellschaft eher so, dass sie mit einem Selbstverständnis von Begriffen wie völkisch wie von Frauke Petry wenig anfangen kann, oder etabliert sich vielmehr ihr Selbstverständnis des Begriffs.

 

Verschwindet der Begriff eher in der Bedeutungslosigkeit, weil sich zukünftige Generationen nicht mehr über Begriffe wie Nationalität/Volk definieren (was bei mir z.B. so ist) oder tritt das Gegenteilige ein.

 

Aus meiner Sicht wäre es fatal, wenn die Bedeutung des Begriffs wieder zunimmt, da es somit ebenso dafür stünde, weiter an System der Nationalstaatlichkeit festzuhalten und es wieder eine deutliche Entfernung vom Gedanken gibt, alle Menschen als absolut gleichwertig zu betrachten.

 

Deswegen zieht sich dieser Konflikt hinein bis in die Sprache. Es geht um mehr als nur einen Begriff: Es geht um die Zukunft und unser Selbstverständnis von dieser. Ich sehe die Zukunft als nicht bewältigbar an, wenn Begriffe wie "völkisch" erneut massiv an Bedeutung gewinnen.

 

Aber auf dieser Ebene sollte man sich über solche Begriffe unterhalten. Nicht in einer Blockadehaltung. Sondern klar machen, warum die mit dem Begriff verbundenen Haltungen nicht erstrebenswert sind für eine gute Zukunft.

 

Nicht alles da abschmettern mit der Vergangenheits-Nazi-Keule, sondern sich seines Verstandes bedienen und deutlich darlegen, warum der Begriff jetzt, im hier und heute, eher in der Bedeutungslosigkeit verschwinden sollte, anstatt einen Bedeutungszulauf zu erhalten.

 

Und bis zu letzt besteht die Hoffnung, dass sich am Ende doch ein paar mehr ihres Verstandes bedienen und erkennen, dass es keine Zukunft für diese Welt gibt, verstehen sich die Menschen nicht endlich als Spezies und nicht als konkurierende Gruppen untereinander.

 

In der Hoffnung Sprache neu zu denken verbleibe ich.

 

Shaila

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Der Experte (Sonntag, 11 September 2016 18:22)

    Mit Sprache neu denken, was ja eine der Lieblingsbeschäftigungen der verwirrten Linken darstellt, die sich lieber stark um das als die wirklichen gesellschaftlichen Probleme kümmert, schaffst du keine gesellschaftliche Veränderung. Wenn du die AfD weg haben willst, dann darfst du nicht an den Symptomen wirken, sondern musst an die Ursachen gehen. "Völkisch" ist ein Symptom, aber nicht die Ursache des Erfolgs der AfD.

    Eben so wenig mit dem neoliberalen Trickle Down Feminismus wie einer Frauenquote in Aufsichtsräten. Auch so ein verwirrtes Projekt der Linken.

    Protest in Deutschland ist eben nicht automatisch Links, weil die nur in verquasten Worthülsen genau darüber reden, die an der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen meilenweit vorbei läuft. Deswegen verlieren sie auch gerade massiv an Unterstützung. Die AfD wiederum trifft die richtigen Töne und deswegen hat sie gerade auch so massiven Zulauf, und so schnell wird sie nicht mehr verschwinden, weil es die Wähler der AfD schon lange gab, sie hatte nur nie wirklich eine eigene Partei, die genau für die Ziele eintrat, die sie gerne hätten. Daher wählten sie entweder Links oder gar nicht, nun haben sie ihre eigene Protestpartei.